Wenn TikTok den Anlageberater spielt, zahlt Gen Z oft drauf

Wenn TikTok den Anlageberater spielt, zahlt Gen Z oft drauf

·5 Min. LesezeitGeld und Investitionen

Schlechter Finanzrat ist kein neues Phänomen. Neu ist vielmehr, wie professionell er heute verpackt wird und wie schnell er ein junges Publikum erreicht. Eine Analyse von Social Capital Markets zu 2.470 Videos auf TikTok, YouTube und Instagram kommt zu dem Ergebnis, dass 71 Prozent der Finanzratschläge, die die Generation Z in sozialen Medien konsumiert, irreführend sind. TikTok fällt dabei besonders negativ auf: 91 Prozent der Finanzvideos enthalten keine angemessenen Hinweise, 70 Prozent empfehlen konkrete Aktien ohne Einordnung und 65 Prozent erwecken den Eindruck garantierter Renditen.

Die finanziellen Folgen sind inzwischen klar erkennbar. Bis zum dritten Quartal 2025 meldete die FTC in den USA Verluste von 6,1 Milliarden US-Dollar durch Anlagebetrug. Bei den 20- bis 29-Jährigen spielten soziale Medien in fast 40 Prozent der Fälle die Rolle des Erstkontakts. Bei den 18- bis 19-Jährigen lag der Anteil sogar bei 47 Prozent. Was hier sichtbar wird, ist also nicht nur eine Schwäche der Medienkompetenz, sondern ein Vertriebsweg für riskante und mitunter betrügerische Finanzversprechen.

Warum Misstrauen die Wirkung nicht beendet

Besonders aufschlussreich ist, dass das Problem trotz seines schlechten Rufs weiter wächst. Eine Umfrage von MarketWatch Guides ergab, dass 52 Prozent der Generation Z sozialen Medien bei Finanzfragen vertrauen. Laut einer Erhebung von Charles Schwab geben 53 Prozent an, dass Finfluencer ihre Anlageentscheidungen deutlich beeinflussen, und 60 Prozent ziehen Online-Communities etablierten Fachleuten vor.

Hier zeigt sich eine typische Wissens-Verhaltens-Lücke. Vielen ist bewusst, dass die Ratschläge unsauber, interessengeleitet oder unvollständig sein können. Handeln tun sie dennoch. Die Forschung zur Verhaltensökonomie weist seit Langem darauf hin, dass Wissen allein Verhalten nur begrenzt verändert. Darauf zielt auch diese frühere Analyse zur erstaunlich geringen Wirkung von Finanzbildung auf reales Geldverhalten. Wer in wenigen Sekunden ein Depot mit vermeintlich spektakulären Gewinnen sieht, reagiert eben nicht nur rational, sondern auch emotional.

Sichtbare Sicherheit ersetzt keine Qualifikation

Die nächste Frage lautet deshalb: Wer spricht dort eigentlich mit solcher Gewissheit? Das CFA Institute hat 110 Inhalte von Finfluencern untersucht und festgestellt, dass nur 20 Prozent der Beiträge mit Anlageempfehlungen überhaupt eine Offenlegung enthielten. Die Analyse von Social Capital Markets zieht die Latte bei der fachlichen Qualifikation noch tiefer: Lediglich 13 Prozent der betrachteten Akteure verfügten über einschlägige finanzielle Abschlüsse oder vergleichbare Nachweise.

Das ist für Plattformen kein Widerspruch, sondern nahezu systemlogisch. Wer selbstsicher auftritt, klare Botschaften sendet und visuell Erfolg inszeniert, wird von den Algorithmen bevorzugt. Fachliche Sorgfalt ist dagegen schwer zu verdichten. Hinzu kommt, dass bezahlte Werbung häufig wie authentische Begeisterung wirkt. Nach einem Bericht mit Bezug zur deutschen Finanzaufsicht BaFin wussten 37 Prozent der jungen Anleger nicht einmal, dass Finfluencer für die Bewerbung bestimmter Produkte bezahlt werden.

Die Regulierung reagiert, aber sie bremst nicht zuverlässig

Es gibt durchaus prominente Verfahren. Kim Kardashian wurde von der SEC belangt, weil sie EthereumMax bewarb, ohne eine Vergütung von 250.000 US-Dollar offenzulegen, also einen Betrag im mittleren sechsstelligen Euro-Bereich. Die Gesamtsumme der Einigung belief sich auf 1,26 Millionen US-Dollar, also grob auf rund eine Million Euro. Auch FINRA verhängte gegen M1 Finance eine Strafe von 850.000 US-Dollar, weil das Unternehmen bezahlte Influencer unzureichend überwacht hatte.

Allerdings treffen solche Maßnahmen eher Einzelfälle als die Struktur des Problems. Wie ein Überblick zur Regulierung durch SEC, FINRA und FTC zeigt, unterliegen Finfluencer in den USA weder denselben Zulassungspflichten noch denselben treuhänderischen Anforderungen wie lizenzierte Berater. Die rechtlichen Hürden sind gering, die Aufsicht reagiert oft erst im Nachhinein. Zwar kann die FTC bei nicht offengelegten Empfehlungen Bußgelder von mehr als 53.000 US-Dollar verhängen, also Beträge im Bereich von mehreren zehntausend Euro. Doch das ändert wenig daran, dass Reichweite schneller wächst als Kontrolle.

Welche Verzerrungen das Vertrauen stabil halten

Dass junge Anleger solche Inhalte weiterhin ernst nehmen, ist deshalb nicht einfach ein Zeichen mangelnder Intelligenz. Es ist eher ein Beispiel dafür, wie kognitive Verzerrungen unter digitalen Bedingungen verstärkt werden. Der Recency Bias, also die Tendenz, jüngste Ereignisse zu übergewichten, lässt den letzten Treffer eines Finfluencers wichtiger erscheinen als langfristige Marktdaten. Der Authority Bias verwandelt eine souveräne Kamerapräsenz in ein Signal fachlicher Kompetenz. Social Proof wiederum macht Millionen von Aufrufen zu einer Art stiller Legitimation.

Besonders teuer wird oft die Verlustaversion. Sobald jemand einer Empfehlung gefolgt ist und der Kurs zunächst steigt, wird die Position nicht mehr nüchtern bewertet, sondern gegen Zweifel verteidigt. Das Investment wird zur Rechtfertigung des eigenen Urteils. Genau solche Mechanismen werden auch in dieser Analyse zu den teuersten Anlegerfehlern beschrieben. Hinzu kommt der Sunk-Cost-Effekt, also die Neigung, bereits eingesetztes Geld psychologisch zu schützen, selbst wenn die Ausgangslage sich verschlechtert. Warum das so schwer zu korrigieren ist, zeigt diese Auswertung zu Grenzen automatisierter Anlagesysteme.

Was Ihr Geld tatsächlich besser schützt

Die naheliegende Reaktion wäre, TikTok pauschal als Problem zu betrachten. Das greift jedoch zu kurz. Entscheidend ist vielmehr, einen Filter zwischen Unterhaltung und Anlageentscheidung einzubauen. Der erste Schritt ist banal, aber wirksam: Qualifikationen prüfen. Wer keine nachvollziehbare Registrierung, Ausbildung oder überprüfbare Berufspraxis vorweisen kann, sollte nicht als Berater, sondern allenfalls als Kommentator betrachtet werden.

Der zweite Schritt betrifft Transparenz. Wenn ein Beitrag nicht offenlegt, wie der Creator Geld verdient, mit wem er kooperiert oder welche Interessenkonflikte bestehen, ist Vorsicht geboten. Der dritte Schritt ist Diversifikation, diesmal nicht im Depot, sondern bei den Informationsquellen. Eine Generation, die gelernt hat, Nachrichten nicht nur aus einem Kanal zu beziehen, übernimmt Finanzentscheidungen noch erstaunlich oft aus einem einzigen Feed. Gerade darin liegt das eigentliche Risiko.

Quellen und Referenzen

  1. Social Capital Markets
  2. CFA Institute
  3. MarketWatch Guides
  4. BaFin / Penningtons Manches Cooper
  5. SEC / FINRA / FTC

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