Tokenisierte Vermögenswerte liegen schon über 25 Mrd. US$

Tokenisierte Vermögenswerte liegen schon über 25 Mrd. US$

·5 Min. LesezeitGeld und Investitionen

Wenn der tokenisierte Treasury-Fonds von BlackRock in weniger als zwei Jahren von 40 Millionen US-Dollar auf 2,5 Milliarden US-Dollar gewachsen ist, dann geht es nicht mehr um die Frage, ob Tokenisierung irgendwann kommt. Es geht darum, wer zuerst davon profitiert.

Was lange wie ein Randthema aus der Kryptoszene wirkte, entwickelt sich zu einer stillen Neuverkabelung der Finanzmärkte. Im März 2026 überschritt das Volumen tokenisierter Real-World-Assets auf öffentlichen Blockchains 25 Milliarden US-Dollar, also grob 23 Milliarden Euro, nachdem es innerhalb eines Jahres von 6,4 Milliarden US-Dollar aus gewachsen war. Sechs Anlageklassen liegen inzwischen jeweils über der Marke von einer Milliarde US-Dollar: US-Staatsanleihen, Rohstoffe, Private Credit, institutionelle Alternativfonds, Unternehmensanleihen und Staatsanleihen außerhalb der USA.

Für viele Privatanleger klingt das noch immer weit weg vom eigenen Depot. Tatsächlich betrifft es jedoch die Infrastruktur, auf der Wertpapiere abgewickelt werden. Und sobald sich diese Infrastruktur verändert, verändern sich auch Gebührenstrukturen, Margen und Machtverhältnisse zwischen Intermediären und Endkunden.

Die Blockchain legt alte Kostenstrukturen offen

Im traditionellen Wertpapiergeschäft dauert die Abwicklung üblicherweise zwei Geschäftstage, also T+2. In diesen 48 Stunden greifen Clearingstellen, Verwahrstellen, Transfer Agents und Abstimmungsprozesse ineinander. Jede dieser Schichten kostet Geld. Nach Schätzung der Boston Consulting Group könnte eine breite Tokenisierung allein bei globalen Clearing- und Settlement-Kosten jährlich 20 Milliarden US-Dollar einsparen, also rund 18 Milliarden Euro.

Der Punkt ist dabei nicht technologische Romantik, sondern betriebliche Nüchternheit. Tokenisierte Wertpapiere lassen sich in Minuten, teils in Sekunden, rund um die Uhr abwickeln. Dadurch sinken Wartezeiten, Abstimmungslasten und gebundenes Kapital. Was heute als unvermeidbare Marktmechanik erscheint, ist zum Teil nur historisch gewachsene Reibung.

Gerade deshalb ist das Thema für etablierte Brokerhäuser unangenehm. Ein Teil ihrer Erlöse beruhte über Jahre auf Verwahrung, Übertragungen und auf Verzögerungen, die als normal galten. Wenn eine neue Infrastruktur genau diese Reibung verringert, steht nicht nur ein Prozess zur Debatte, sondern ein Geschäftsmodell.

BlackRock, Franklin und JPMorgan handeln bereits operativ

Besonders sichtbar ist das am BUIDL-Fonds von BlackRock, der über Securitize tokenisiert wurde. Der Fonds läuft inzwischen auf neun Blockchains, darunter Ethereum, Solana und Avalanche. Er zahlt tägliche Zinsen, ist durchgängig verfügbar und wurde zuletzt sogar als Trading-Kollateral bei Binance akzeptiert. Franklin Templeton hat seinen staatlichen Geldmarktfonds ebenfalls auf öffentliche Blockchains gebracht und damit einen frühen Baustein für Treasury-besichertes Kollateral im 24/7-Betrieb geschaffen. JPMorgan wiederum hat sein Tokenized Collateral Network vom Pilotstadium in den Live-Betrieb mit großen institutionellen Kunden überführt.

Diese Häuser tun das nicht, weil sie plötzlich missionarisch an Dezentralisierung glauben. Sie tun es, weil weniger Zwischenschritte Effizienzvorteile schaffen. Und in hoch kompetitiven Finanzmärkten werden solche Vorteile nicht verschenkt, sondern möglichst früh vereinnahmt.

Darin liegt die eigentliche Pointe. Tokenisierung beseitigt nicht automatisch Gatekeeper. Häufig verschiebt sie nur, wer diese Rolle künftig einnimmt. Wer gestern noch an der alten Prozesskette verdiente, möchte morgen die neue Schnellstraße kontrollieren.

Regulatorische Klarheit hat die Eintrittsbarriere gesenkt

Im Januar 2026 veröffentlichte die Division of Corporation Finance der SEC eine gemeinsame Erklärung, wonach bestehende US-Wertpapiergesetze auch für tokenisierte Vermögenswerte gelten. Dass ein Wertpapier auf einer Blockchain statt in einem herkömmlichen Register geführt wird, verändert den regulatorischen Rahmen also nicht automatisch. SEC-Kommissarin Hester Peirce nannte als mögliche Vorteile höhere operative Effizienz, nahezu sofortige Abwicklung, mehr Liquidität und breiteren Zugang für Investoren.

Das ist keine pauschale Freigabe, aber es reduziert einen zentralen Unsicherheitsfaktor. Institutionelles Kapital braucht weniger Schlagworte als Rechtssicherheit. Genau diese Klarstellung dürfte daher mehr bewirken als viele Jahre Technologie-Marketing.

Vor diesem Hintergrund wirken die Marktprognosen zumindest nachvollziehbar. McKinsey erwartet bis 2030 einen tokenisierten Markt von etwa 2 Billionen US-Dollar, in optimistischen Szenarien bis zu 4 Billionen. BCG war in der Aktualisierung von 2025 deutlich offensiver und spricht von 9,4 Billionen US-Dollar bis 2030 sowie 19 Billionen bis 2033. Das sind Szenarien, keine Gewissheiten. Als Größenordnung zeigen sie aber, warum das Thema institutionell ernst genommen wird.

Privatanleger beobachten oft den falschen Teil des Kryptomarkts

Während viele private Investoren noch auf die nächste spekulative Rally schauen, findet die tiefere Verschiebung an anderer Stelle statt: bei der Infrastruktur klassischer Finanzprodukte. Nicht der nächste Memecoin gefährdet die Gebührenlogik eines Brokers, sondern die Aussicht auf nahezu sofortige, kostengünstigere Abwicklung bestehender Vermögenswerte.

Auch die Marktstruktur deutet in diese Richtung. Tokenisierte Treasury-Angebote stiegen binnen eines Jahres von 35 auf mehr als 50 Produkte. Laut Ausgangsmaterial priorisieren Emittenten dabei in 53,8 Prozent der Fälle Kapitalbildung stärker als Liquidität. Zugleich befinden sich 88 Prozent des durch Real-World-Assets besicherten Stablecoin-Angebots noch außerhalb von DeFi-Systemen. Die Infrastruktur wächst also, der breite Zugang bleibt jedoch begrenzt.

Gerade das erklärt, weshalb Privatanleger bislang nur indirekt profitieren. Solange der Zugang kontrolliert bleibt, bleiben auch alte Kostenlagen länger bestehen. Das fügt sich in ein breiteres Bild struktureller Nachteile, die Privatanleger gegenüber institutionellen Akteuren ohnehin schon haben.

Entscheidend ist, wer den Effizienzgewinn einstreicht

Die eigentliche Frage lautet daher nicht, ob Tokenisierung real ist. 25 Milliarden US-Dollar auf öffentlichen Blockchains beantworten das bereits. Die entscheidende Frage ist, wer von der sinkenden Reibung profitiert. Wenn Abwicklung schneller, billiger und kontinuierlicher wird, verschwindet ein Teil der alten Margenbasis. Daraus entsteht ein neuer Verteilungskampf.

BlackRock, Franklin Templeton, Goldman Sachs und JPMorgan positionieren sich sichtbar dafür, diesen Übergang zu dominieren. Für Privatanleger bedeutet das eine nüchterne Abwägung. Entweder gelangt ein Teil der gewonnenen Effizienz irgendwann tatsächlich in günstigere und direktere Anlageprodukte, oder die Vorteile verbleiben bei neuen institutionellen Torwächtern. Diese Spannung passt auch zu Entwicklungen rund um illiquide Alternativfonds und Strategien jenseits traditioneller Indizes.

25 Milliarden US-Dollar on-chain sind daher keine Vision. Sie sind bereits eine Bestandsaufnahme.

Quellen und Referenzen

  1. Blockhead
  2. CCN / BlackRock via Securitize
  3. Boston Consulting Group (BCG)
  4. SEC via Sidley Austin LLP
  5. McKinsey & Company

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