Warum Ihr „sicherer“ Kreditfonds plötzlich dichtmacht

Warum Ihr „sicherer“ Kreditfonds plötzlich dichtmacht

·5 Min. LesezeitGeld und Investitionen

Am 19. Februar 2026 erfuhren Anleger von Blue Owl auf unangenehme Weise, was in Private-Credit-Produkten unter Sicherheit oft tatsächlich gemeint ist. Der Blue Owl Capital Corp. II, der als defensiver Ertragsbaustein vermarktet worden war, stellte die üblichen quartalsweisen Rücknahmen faktisch ein und ersetzte sie durch unregelmäßige Auszahlungen, die aus Tilgungen und Vermögensverkäufen gespeist werden sollten. Wer geglaubt hatte, ein bondähnliches Produkt mit etwas mehr Rendite zu halten, musste feststellen, dass gerade der vermeintlich langweilige Teil des Portfolios plötzlich der unzugänglichste war. Wie CNBC berichtete, wurde der Fall rasch als Warnsignal für den gesamten Markt gelesen.

Entscheidend ist dabei weniger das einzelne Vehikel als dessen Konstruktion. Private-Credit-Fonds vergeben Darlehen mit Laufzeiten von mehreren Jahren, werben aber häufig mit regelmäßigen Rückgabemöglichkeiten für Anleger. Solange nur wenige Investoren gleichzeitig hinauswollen, funktioniert dieses Versprechen. Wenn jedoch die Stimmung kippt, zeigt sich, dass hier eine illiquide Vermögensbasis mit einer vergleichsweise großzügigen Liquiditätserwartung kombiniert wurde.

Das Kernproblem ist die Fristenlücke

Eine der prägnantesten Erklärungen liefert U.S. Bank. Dort wird der jüngste Stress ausdrücklich als Strukturproblem beschrieben: Die zugrunde liegenden Kredite laufen meist drei bis sieben Jahre, Rücknahmeanträge können jedoch oft quartalsweise gestellt werden. Diese Diskrepanz ist beherrschbar, solange der Mittelabfluss begrenzt bleibt. Sie wird kritisch, sobald viele Anleger gleichzeitig Liquidität verlangen.

Genau darauf deuteten die Daten bereits hin. U.S. Bank verweist unter Berufung auf Fitch darauf, dass die Rücknahmen in nicht börsennotierten, unbefristeten BDCs im vierten Quartal 2025 auf 4,5 % des Nettoinventarwerts stiegen, nach 1,6 % im Vorquartal. Für sich genommen mag das nicht dramatisch wirken. In einem Markt, in dem Liquidität nicht durch einen tiefen Sekundärhandel gesichert ist, ist jedoch die Beschleunigung oft wichtiger als der absolute Stand.

Wenn das Gate greift, zeigt sich der wahre Charakter des Produkts

Nach Blue Owl wurde die Problematik auch bei anderen Anbietern sichtbar. Eine Analyse von Newsweek beschrieb, wie Rücknahmedruck die semiliquiden Fondsstrukturen zunehmend auf die Probe stellt. BlackRock begrenzte Auszahlungen im HPS Corporate Lending Fund nach Rückgabewünschen von rund 1,2 Milliarden US-Dollar, also ungefähr 1,05 Milliarden Euro zum Kurs vom 13. März. Blackstone wiederum musste beim BCRED-Fonds das übliche Rücknahmelimit anheben und zusätzlich eigenes Kapital einsetzen, um die Nachfrage zu bedienen. Was zunächst wie ein isolierter Vorfall wirkte, begann wie ein sektorweites Muster auszusehen.

Die Branche verteidigt solche Beschränkungen gern als vernünftiges Risikomanagement. Das ist nicht völlig unplausibel. Erzwungene Verkäufe illiquider Kredite zu Abschlägen können den verbleibenden Anlegern schaden. Für den einzelnen Investor bleibt die Erfahrung dennoch unerquicklich. Er stellt fest, dass die versprochene Liquidität nur unter normalen Bedingungen galt. In Stressphasen wird aus einer technischen Schutzklausel sehr schnell eine faktische Ausgangssperre.

Die scheinbare Stabilität der Bewertung kann täuschen

Hinzu kommt ein zweites Problem, das analytisch noch wichtiger ist. Anders als börsennotierte Anleihen werden private Kredite nicht laufend am Markt bepreist. Wie Newsweek hervorhob, beruhen die Bewertungen häufig auf periodischen internen Schätzungen. Das glättet die Wertentwicklung und vermittelt Stabilität, wo in Wahrheit womöglich nur Preisträgheit vorliegt.

Entsprechend ist die Debatte über Bewertungspraktiken schärfer geworden. Der Leiter der Manhattaner DOJ-Einheit warnte im November vor „kreativen“ Bewertungen in privaten Portfolios, und die SEC setzte Ende Februar eine eigene Gesprächsrunde zu Private-Market-Valuations an, just in dem Moment, in dem der Zugang für Privatanleger ausgeweitet wird. Reuters berichtete zudem über jüngste Zweifel an den Bewertungsansätzen bei Blue Owl. Das belegt keine flächendeckende Fehlbewertung. Es zeigt aber, dass Transparenz und Liquidität in diesem Markt zwei getrennte Risiken sind.

Warum die Verbindung zum Bankensystem nicht unterschätzt werden sollte

Besonders relevant ist, dass Private Credit kein abgeschlossenes Paralleluniversum bildet. The Daily Economy erinnert daran, dass viele dieser Fonds auf Banklinien und andere Finanzierungsquellen klassischer Institute angewiesen sind. Auch Newsweek verweist auf Untersuchungen der Federal Reserve Bank of Boston, wonach das Wachstum des Sektors weitgehend durch Bankkredite finanziert worden ist.

Damit ist nicht gesagt, dass eine systemische Krise bereits vor der Tür steht. Es bedeutet jedoch, dass Verwerfungen nicht zwangsläufig im Fondsvehikel bleiben. Reuters meldete in dieser Woche, dass JPMorgan bestimmte kreditbesicherte Engagements gegenüber Private-Credit-Fonds abwertete. Morgan Stanley wiederum begrenzte Rücknahmen in seinem North Haven Private Income Fund. Wenn Banken vorsichtiger auf Sicherheiten blicken, geht es nicht mehr nur um Anlegerpsychologie, sondern um reale Refinanzierungsbedingungen.

Für Anleger zählt jetzt eine andere Frage

Private Credit erfüllt zweifellos eine wirtschaftliche Funktion. Mittelständische Unternehmen brauchen Finanzierung, und viele Fonds sind seriös strukturiert. Problematisch wurde es dort, wo langfristig illiquide Kredite als ruhiger Ertragsbaustein mit planbarer Rückgabe dargestellt wurden. Solange das Umfeld freundlich ist, fällt dieser Widerspruch kaum auf. Unter Stress wird er zum zentralen Merkmal des Produkts.

Wenn Ihr Portfolio also über BDCs, Interval Funds oder sogenannte alternative Einkommensstrategien Private-Credit-Risiken enthält, sollten Sie weniger nach der Rendite fragen als nach dem Ausgang. Was geschieht mit Ihrem Rücknahmeantrag, wenn die Anträge das Quartalslimit überschreiten? Wie viel echte Liquidität hält der Fonds? Wer bewertet die Kredite? Welche Banklinien existieren? Und unter welchen Bedingungen kann aus einem Rücknahmefenster eine bloße, irgendwann fällige Auszahlung werden? Die Verhaltensmuster von Anlegern in Stressphasen sind gut dokumentiert. In Private Credit reicht diese Einsicht allein jedoch nicht. Das eigentliche Risiko beginnt dort, wo die Tür zwar versprochen wurde, sich im Ernstfall aber nicht mehr öffnet.

Quellen und Referenzen

  1. Newsweek
  2. U.S. Bank
  3. CNBC
  4. The Daily Economy

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