Nichtstun kann produktiv sein, wenn man es richtig macht

Nichtstun kann produktiv sein, wenn man es richtig macht

·4 Min. LesezeitHöchstleistung und Produktivität

Der produktivste Termin Ihrer Woche könnte ein halbstündiger Blick aus dem Fenster sein. Das klingt zunächst nach einer bequemen Rechtfertigung für Aufschieben. Neurowissenschaftlich ist die Sache jedoch weniger trivial. Eine 2025 in Scientific Reports veröffentlichte Studie zeigte, dass Gedankenwandern während einer kurzen Pause die anschließende kreative Leistung messbar verbessern kann. Lesen, Planen oder leichte kognitive Aufgaben hatten diesen Effekt nicht.

In den vergangenen Jahren dominierte ein anderes Ideal: Deep Work, also lange, ungestörte Phasen intensiver Konzentration. Die Datenbasis dafür ist keineswegs schwach. Gloria Mark von der UC Irvine dokumentierte, dass die vollständige Erholung der Aufmerksamkeit nach einer einzelnen Unterbrechung rund 23 Minuten dauern kann, während Beschäftigte täglich mit sehr vielen Unterbrechungen umgehen müssen. Daraus entstand allerdings eine allzu einfache Schlussfolgerung: mehr Fokus, länger Fokus, härter Fokus. Genau an diesem Punkt wird es problematisch.

Warum Einfälle oft erst in der Pause entstehen

Wenn Sie aufhören, eine Aufgabe bewusst zu verfolgen, wird ein bestimmtes Hirnnetzwerk aktiver: das Default Mode Network. Es tritt besonders dann hervor, wenn die Aufmerksamkeit nicht auf eine unmittelbare äußere Aufgabe gerichtet ist. Das Gehirn schaltet dabei nicht ab. Es arbeitet nur anders.

Dieses Netzwerk verbindet Erinnerungen, simuliert mögliche Szenarien, sortiert Erfahrungen und lässt entfernte Ideen miteinander in Kontakt kommen. Es ist der Mechanismus hinter dem Einfall unter der Dusche, beim Spaziergang oder beim Abwasch. Viele Wissensarbeiter kennen diese merkwürdige Erfahrung: Stundenlanges Ringen führt nicht weiter, doch wenige Minuten später erscheint die Lösung scheinbar von selbst.

Eine Neuroimaging-Studie mit 1.316 Erwachsenen fand, dass frei bewegliches Gedankenwandern kreative Flüssigkeit, Flexibilität und Originalität positiv vorhersagte. Das Default-Mode-Netzwerk und frontoparietale Netzwerke spielten dabei eine zentrale Rolle. Anders gesagt: Wenn der Geist abschweift, erhalten jene Systeme Raum, die entfernte Informationen sinnvoll kombinieren.

Konzentration ist notwendig, aber nicht immer schöpferisch

Das ist kein Argument gegen konzentriertes Arbeiten. Wenn klar ist, was zu tun ist, bleibt Deep Work eine hochwirksame Methode. Einen Text schreiben, Code prüfen, Daten analysieren oder eine Präsentation fertigstellen: All das verlangt stabile Aufmerksamkeit. Entscheidend ist jedoch, zwischen Ausführung und Entstehung zu unterscheiden.

Neue, mehrdeutige oder strategische Probleme lassen sich oft nicht durch bloßes Durchhalten lösen. Sie brauchen Suchbewegungen, Umwege und die Möglichkeit, eine Idee noch nicht sofort bewerten zu müssen. Dauerhafte Konzentration kann genau jene Aktivität unterdrücken, die für ungewöhnliche Verknüpfungen zuständig ist. Für Deutschland, wo effiziente Planung und volle Kalender leicht als Professionalität gelten, ist das eine unbequeme Einsicht: Nicht jede Lücke ist Verschwendung.

Nicht jede Pause ist Gedankenwandern

Gerade hier entstehen viele Missverständnisse. Durch Instagram scrollen ist kein produktives Gedankenwandern. Ein Podcast in eineinhalbfacher Geschwindigkeit ist es ebenfalls nicht. Selbst in der Pause angestrengt über dasselbe Problem nachzudenken, bleibt gerichtete kognitive Arbeit.

Eine Studie des University College London in Brain Sciences untersuchte 85 Erwachsene und zeigte eine wichtige Unterscheidung. Bewusstes Gedankenwandern, also ein Abschweifen, das man bemerkt und zulässt, korrelierte deutlich mit Gewinnen bei kreativer Problemlösung. Unbewusstes Abschalten im Autopilotmodus war dagegen negativ mit der Lösung neuartiger Probleme verbunden.

Von außen sehen beide Zustände ähnlich aus. Innerlich unterscheiden sie sich erheblich. Nützliches Gedankenwandern braucht ein entlastetes Gehirn. Smartphone, Benachrichtigungen, Hintergrundfernsehen und dichter Informationskonsum schaffen keinen Freiraum. Sie liefern lediglich neue Reize.

Planen Sie Leerlauf so sorgfältig wie Fokuszeit

Die naheliegende Konsequenz besteht nicht darin, Deep Work aufzugeben. Sinnvoller ist es, konzentrierte Arbeit und Gedankenwandern als zusammengehörige Phasen zu betrachten. Deep Work setzt Lösungen um. Gedankenwandern kann sie hervorbringen.

Ein praktikables Vorgehen lautet: Nach 60 bis 90 Minuten konzentrierter Arbeit folgen 10 bis 15 Minuten offene Aufmerksamkeit. Kein Telefon, kein Podcast, kein Lesen. Gehen Sie, schauen Sie aus dem Fenster, kritzeln Sie auf Papier. In den letzten zwei Minuten des Arbeitsblocks notieren Sie die Frage, die Ihr Gehirn weiterverarbeiten soll. Die Forschung zu 275 täglichen Unterbrechungen verdeutlicht, warum der gerade aktivierte kognitive Kontext in solchen Pausen weiterwirkt.

Auch kurze Zwischenräume zwischen Besprechungen sind wertvoll. Fünf Minuten ohne Bildschirm können helfen, das eben Gehörte zu konsolidieren und den nächsten sinnvollen Schritt auftauchen zu lassen. Ähnlich argumentiert die Idee des 90-minütigen ultradianen Rhythmus: Leistungsfähigkeit verläuft zyklisch, nicht linear. Wenn Ihr Kalender nur aus Meetings und Fokusblöcken besteht, nutzen Sie nur einen Teil Ihrer kognitiven Möglichkeiten. Ein Termin ohne Ergebnis kann genau der sein, der das Ergebnis vorbereitet.

Quellen und Referenzen

  1. Scientific Reports (Nature)
  2. Brain Sciences (UCL)
  3. PMC / Feng et al. (N=1,316)
  4. Social Cognitive and Affective Neuroscience (Oxford)
  5. UC Irvine (Gloria Mark research summary)

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