Neuer Denkfehler entdeckt: Warum wir auf dem falschen Weg bleiben
Wie oft nehmen Sie einen Umweg in Kauf, investieren zusätzliche Stunden in ein Projekt oder halten an einer gescheiterten Strategie fest, nur weil ein Richtungswechsel bedeuten würde, bereits Geleistetes rückgängig zu machen? Die ehrliche Antwort dürfte lauten: deutlich häufiger, als Sie vermuten. Und das liegt nicht an mangelnder Intelligenz oder fehlender Einsicht, sondern an einer kognitiven Verzerrung, die bis vor kurzem noch keinen Namen hatte.
Ein Forscherteam der UC Berkeley um die Psychologinnen Kristine Cho und Clayton Critcher hat in einer in Psychological Science veröffentlichten Studie mit 2.524 Teilnehmenden genau dieses Phänomen erstmals systematisch untersucht. Sie nennen es "doubling-back aversion": die tief verankerte Weigerung, einen nachweislich besseren Weg einzuschlagen, wenn dieser erfordert, sichtbar bereits zurückgelegte Strecke erneut zu durchlaufen.
69 Prozent wählten den längeren Weg
Im ersten von vier Experimenten navigierten die Teilnehmenden durch eine virtuelle Umgebung, in der zwei Routen zum selben Ziel führten. Die eine Route war kürzer, erforderte jedoch, bereits durchquerte Abschnitte erneut zu passieren. Die andere war objektiv länger, führte aber ausschließlich vorwärts. Das Ergebnis: Nur 31 Prozent entschieden sich für die kürzere Route mit Rückverfolgung. Wurde dieselbe Abkürzung ohne sichtbares Zurückgehen angeboten, griffen 57 Prozent zu. Der einzige Unterschied war die Wahrnehmung von Rückschritt.
Ein Einbruch um 50 Prozentpunkte, den niemand erwartet hatte
Die zweite Studie machte das Ausmaß des Effekts noch eindrucksvoller sichtbar. Wurde ein Aufgabenwechsel als einfache Wahlmöglichkeit präsentiert, nahmen 75 Prozent der Probanden ihn an. Wurde exakt derselbe Wechsel als "Zurückgehen" beschrieben, sank die Zustimmung auf 25 Prozent. Cho erklärte gegenüber PsyPost, der 50-Punkte-Unterschied sei so drastisch gewesen, dass ihre erste Reaktion war, einen Programmierfehler im Experiment zu vermuten.
Warum dies nicht der Sunk-Cost-Effekt ist
Auf den ersten Blick erinnert das Phänomen an den bekannten Sunk-Cost-Effekt (die Tendenz, an Entscheidungen festzuhalten, weil man bereits Zeit oder Geld investiert hat). Doch Cho und Critcher zeigen einen entscheidenden Unterschied auf: Der Sunk-Cost-Effekt bezieht sich auf vergangene Investitionen. Die Doubling-Back-Aversion hingegen wird durch das visuelle Erleben ausgelöst, sichtbaren Fortschritt rückgängig zu machen. Zwei psychologische Mechanismen wirken dabei zusammen: Erstens entsteht das Gefühl, dass Zurückgehen bereits Erreichtes buchstäblich auslöscht. Zweitens wird die verbleibende Strecke nach dem Zurückgehen subjektiv als größer wahrgenommen, als sie tatsächlich ist.
Wo dieser Denkfehler im Alltag zuschlägt
Die Tragweite reicht weit über virtuelle Labyrinthe hinaus. 18 Monate in ein Studium investiert, und dann die Erkenntnis: ein anderer Studiengang führt schneller zum Berufseinstieg. Drei Monate an einem Software-Feature entwickelt, dann eine bessere technische Lösung entdeckt. Die rationale Entscheidung liegt jeweils auf der Hand. Doch die Doubling-Back-Aversion flüstert: "Sie sind schon so weit gekommen."
Gerade in einer Kultur, die gründliche Planung und systematisches Vorgehen hochschätzt, kann dieser Effekt besonders wirksam sein. Wer sorgfältig einen Plan erstellt hat, empfindet das Abweichen davon nicht nur als Rückschritt, sondern als implizites Eingeständnis, die ursprüngliche Planung sei mangelhaft gewesen. Das Ergebnis: Projekte werden weitergeführt, obwohl die Daten längst eine Kurskorrektur nahelegen.
Der Perspektivwechsel, der den Kreislauf durchbricht
Die Forschenden schlagen eine einfache, aber wirkungsvolle Gegenmaßnahme vor: den Rückschritt gedanklich als Lernprozess statt als Verlust einzuordnen. Eine einzige Frage kann dabei helfen, die Verzerrung zu durchbrechen: "Wähle ich diesen Weg, weil er tatsächlich der bessere ist, oder weil sich Umkehren anfühlt wie ein Eingeständnis, dass ich falsch lag?"
Wer sich diese Frage ehrlich stellt, trifft mit höherer Wahrscheinlichkeit die Entscheidung, die tatsächlich zum Ziel führt, und nicht jene, die lediglich das Ego schont.
Die Studie von Cho und Critcher liefert damit ein bemerkenswertes Ergebnis: Nicht unsere vergangenen Investitionen halten uns auf dem falschen Kurs, sondern allein das unangenehme Gefühl, sichtbar umzukehren. Sobald man diesen Mechanismus kennt, verliert er einen Teil seiner Macht. Denn der kürzeste Weg zum Ziel führt manchmal genau dorthin zurück, wo man schon einmal war.
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