Melatonin wirkt harmlos. Die Daten werden unbequemer

Melatonin wirkt harmlos. Die Daten werden unbequemer

·4 Min. LesezeitGesundheit, Biohacking und Langlebigkeit

Melatonin gehört zu jenen Präparaten, die sich fast lautlos in den Alltag geschoben haben. Es gilt als sanfte Hilfe bei Schlafproblemen, als natürliche Alternative zu klassischen Schlafmitteln und damit als etwas, das man kaum weiter hinterfragen müsse. Gerade deshalb ist die neue Debatte über mögliche Herzrisiken so heikel. Sie betrifft kein berüchtigtes Hochrisikomedikament, sondern ein Mittel, das viele Menschen mit bemerkenswerter Selbstverständlichkeit einnehmen.

Auslöser ist eine Mitteilung der American Heart Association zu einer auf dem Scientific Sessions Kongress 2025 vorgestellten Analyse. Dort wurden über fünf Jahre elektronische Gesundheitsdaten von 130.828 Erwachsenen mit chronischer Insomnie ausgewertet. Wer Melatonin mindestens ein Jahr lang in der Krankenakte dokumentiert hatte, zeigte häufiger eine neu diagnostizierte Herzinsuffizienz, häufiger entsprechende Krankenhausaufenthalte und eine höhere Gesamtsterblichkeit. Das klingt gravierend. Es verlangt jedoch eine präzise Einordnung.

Was die Analyse tatsächlich gefunden hat

Die Forschenden nutzten die TriNetX-Datenbank und verglichen 65.414 Personen mit dokumentierter Langzeitanwendung von Melatonin mit einer ebenso großen, nach zahlreichen Merkmalen abgeglichenen Kontrollgruppe ohne dokumentierte Anwendung. Berücksichtigt wurden laut Studiendesign 40 Variablen, darunter Alter, Geschlecht, Begleiterkrankungen und Begleitmedikation. Ausgeschlossen wurden Menschen mit bereits bekannter Herzinsuffizienz sowie Personen, die andere Schlafmittel erhalten hatten.

Die Ergebnisse fielen deutlich aus. Eine neue Herzinsuffizienzdiagnose trat bei 4,6 Prozent der Melatonin-Gruppe auf, verglichen mit 2,7 Prozent in der Kontrollgruppe. Krankenhausaufenthalte wegen Herzinsuffizienz lagen bei 19,0 gegenüber 6,6 Prozent. Die Gesamtsterblichkeit über fünf Jahre betrug 7,8 gegenüber 4,3 Prozent. Auch der im Circulation-Supplement veröffentlichte Abstract verweist darauf, dass das Signal in einer Sensitivitätsanalyse bestehen blieb, in der nur Personen mit mindestens zwei Melatonin-Verordnungen im Abstand von 90 Tagen berücksichtigt wurden.

Warum diese Zahlen noch kein Urteil erlauben

So eindrücklich die Befunde sind, so wichtig ist der methodische Vorbehalt. Die American Heart Association weist selbst darauf hin, dass es sich um einen Kongressbeitrag handelt. Solche Abstracts sind vor einer vollständigen Fachpublikation nicht peer-reviewt und daher ausdrücklich vorläufig. Wissenschaftlich gesprochen ist das ein Warnsignal, kein Beweis für Kausalität.

Hinzu kommt ein klassisches Problem beobachtender Studien: Restkonfundierung. Menschen, die Melatonin langfristig verwenden, unterscheiden sich womöglich in relevanten Punkten von jenen, die es nicht verwenden, auch wenn statistisch viele Faktoren angeglichen wurden. Schwerere Insomnie, Angststörungen, Depressionen, unerkannte Schlafapnoe oder eine insgesamt schlechtere Gesundheit könnten sowohl die Einnahme von Melatonin als auch das Herzrisiko beeinflussen. Melatonin könnte also ursächlich beteiligt sein, ein bereits erhöhtes Risiko verstärken oder lediglich ein Marker für eine belastetere Ausgangslage sein.

Warum eine andere Studie deutlich weniger alarmiert

Genau deshalb lohnt der Blick auf die in The Lancet Diabetes & Endocrinology veröffentlichte Kohortenstudie. Dort wurden 159.072 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus drei großen US-Kohorten beobachtet, darunter die Nurses’ Health Studies und die Health Professionals Follow-up Study. Im gepoolten Ergebnis zeigte sich kein statistisch signifikanter Anstieg des kardiovaskulären Risikos durch Melatonin. Die multivariat adjustierte Hazard Ratio lag bei 0,94 und damit nahe an einem neutralen Befund.

Mehr noch: Bei Personen mit langjähriger rotierender Nachtarbeit deutete sich sogar an, dass Melatonin einen Teil des sonst erhöhten kardiovaskulären Risikos abschwächen könnte. Das widerlegt die AHA-Daten nicht, es zwingt aber zu einer differenzierteren Lesart. Möglicherweise ist nicht Melatonin generell problematisch, sondern die Langzeitanwendung bei einer klinisch bereits vulnerablen Gruppe, nämlich Menschen mit chronischer Insomnie.

Das regulatorische Problem verstärkt die Unsicherheit

Zu der wissenschaftlichen Unschärfe kommt ein praktisches Problem hinzu. Die Berichterstattung von STAT über eine JAMA-Untersuchung zeigte, dass bei mehr als zwei Dutzend getesteten Melatonin-Gummis fast alle Präparate den deklarierten Gehalt um mehr als 10 Prozent überschritten. Ein Produkt enthielt sogar etwa die dreifache Menge der angegebenen Dosis. Wer meint, 5 mg einzunehmen, könnte also deutlich mehr erhalten.

In den USA werden Nahrungsergänzungsmittel regulatorisch nicht wie Arzneimittel vorab auf Sicherheit und Wirksamkeit geprüft. Für die Interpretation der Melatonin-Debatte ist das zentral. Denn selbst wenn man den Wirkstoff an sich beurteilen will, bleibt die Frage, welche Dosis und welche Produktqualität Menschen im Alltag tatsächlich konsumieren.

Was für die Praxis vernünftig wäre

Weder Alarmismus noch Schulterzucken helfen weiter. Wenn Sie Melatonin regelmäßig und über Monate hinweg einnehmen, ist ein nüchternes Gespräch mit einer Ärztin oder einem Arzt sinnvoll: über Dosis, Dauer, Anlass der Einnahme und mögliche Ursachen der Schlafstörung. Besonders wichtig ist das bei bekannter Herz-Kreislauf-Erkrankung, möglicher Schlafapnoe, psychischen Belastungen oder weiterer Medikation.

Die unbequeme Lehre aus den bisherigen Daten lautet deshalb nicht, dass Melatonin nun plötzlich als gefährlich erwiesen wäre. Sie lautet vielmehr, dass ein Mittel, das als harmlos und selbstverständlich vermarktet wird, wissenschaftlich komplexer sein könnte als angenommen. Nach 130.000 Patientendaten ist es jedenfalls schwerer geworden, Langzeitgebrauch schlicht als belanglose Abendroutine abzutun.

Quellen und Referenzen

  1. American Heart Association
  2. Circulation (AHA Journals)
  3. The Lancet Diabetes and Endocrinology
  4. STAT News / JAMA

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