Ihre Bewegungsdaten sind billig. Genau das ist das Problem.

Ihre Bewegungsdaten sind billig. Genau das ist das Problem.

·4 Min. LesezeitSicherheit und Datenschutz

Ihr Smartphone sendet fortlaufend Signale, auch dann, wenn Sie glauben, gerade gar nichts zu tun. Noch vor dem Mittag hat es mehrfach Funkmasten kontaktiert, mit Apps kommuniziert und Werbenetzwerke bedient. Ein Teil dieser Signale wurde, so die jĂŒngsten Recherchen in den USA, weiterverkauft. Einige DatensĂ€tze landeten sogar in Datenbanken, auf die Akteure mit Bezug zu China, Russland, Nordkorea und Iran rechtlich zugreifen können.

Das ist die Kernaussage eines Berichts des Joint Economic Committee des US-Kongresses, der nach der Recherche von CalMatters und The Markup veröffentlicht wurde. Demnach fĂŒhrten Datenpannen bei Equifax, Exactis, National Public Data und TransUnion dazu, dass mehr als 651 Millionen US-BĂŒrgerinnen und US-BĂŒrger betroffen waren. Der daraus abgeleitete Schaden durch IdentitĂ€tsdiebstahl belĂ€uft sich auf rund 21 Milliarden US-Dollar. FĂŒr ein deutsches Publikum ist der Fall amerikanisch. Das dahinterliegende Marktprinzip ist es nicht.

Der Schaden entstand nicht am Rand, sondern im Zentrum des GeschÀfts

Gerade das unterscheidet diese Geschichte von der ĂŒblichen ErzĂ€hlung ĂŒber einen einzelnen Hack. Die betroffenen Unternehmen betrieben keine Verbraucher-App, die unglĂŒcklich kompromittiert wurde. Sie wurden angegriffen, weil sie LagerhĂ€user fĂŒr Informationen waren. Ihr GeschĂ€ftsmodell bestand darin, Daten aus Banken, Versicherungen, Treueprogrammen und Mobiltelefonen einzukaufen, neu zu kombinieren und als Profile weiterzuverkaufen.

Die Berechnung des Kongresses wirkt nĂŒchtern, ist aber aufschlussreich. Die Mitarbeitenden gingen von einem mittleren Schaden von 200 US-Dollar pro betroffener Person aus und kombinierten diesen Wert mit dem Anteil der Opfer, die spĂ€ter Betrug meldeten. Equifax betraf 2017 rund 147 Millionen Menschen, Exactis 2018 etwa 230 Millionen, National Public Data 2023 rund 270 Millionen und TransUnion 2025 weitere 4 Millionen. Nach diesen Daten taucht der durchschnittliche erwachsene US-BĂŒrger in mindestens drei dieser Lecks auf.

33 Firmen, die fast niemand kennt

Parallel dazu wertete das Electronic Privacy Information Center das kalifornische Register der DatenhĂ€ndler aus. Das Ergebnis ist bemerkenswert: 33 in Kalifornien registrierte Broker gaben in offiziellen Unterlagen an, Daten an nichtamerikanische Akteure in Staaten verkauft oder weitergegeben zu haben, die Washington als auslĂ€ndische Gegner einstuft. FĂŒnf dieser 33 Firmen erklĂ€rten zudem, prĂ€zise Geolokalisierungsdaten zu erheben.

Warum ist gerade dieser Punkt so sensibel? PrĂ€zise Geolokalisierung bedeutet nicht bloß, dass ein GerĂ€t in Berlin, Köln oder MĂŒnchen war. Gemeint sind GPS-Koordinaten, aus denen sich ableiten lĂ€sst, ob jemand eine Kinderwunschklinik, einen RĂŒstungsstandort, eine Synagoge oder ein Frauenhaus betreten hat. SpĂ€testens hier wird aus personalisierter Werbung ein sicherheitspolitisches Problem.

“Anonymisiert” klingt beruhigend, ist es aber oft nicht

Die Branche beruft sich gern darauf, Standortdaten seien de-identifiziert. Nach aktuellen Erkenntnissen ist das hĂ€ufig nur formal richtig. Wenn ein GerĂ€t jede Nacht an derselben Adresse ruht und werktags regelmĂ€ĂŸig an einem zweiten Ort erscheint, reichen oft zwei Punkte, um den Menschen hinter dem Datensatz zu identifizieren.

Analysten von Lawfare haben beschrieben, wie ein auslĂ€ndischer Nachrichtendienst kommerzielle Datenfeeds kaufen, ein sensibles GelĂ€nde digital eingrenzen und anschließend jedes GerĂ€t verfolgen könnte, das diesen Bereich betreten hat. Damit verschiebt sich die Frage: Es geht nicht mehr nur um lĂ€stige Werbung oder einzelne BetrugsfĂ€lle, sondern um Bewegungsprofile mit nachrichtendienstlichem Wert.

Aufschlussreich ist auch der Preis. Der US-Bundesstaat Illinois kaufte zwei Jahre prĂ€ziser Standortspuren von mehr als fĂŒnf Millionen Menschen fĂŒr rund 50.000 US-Dollar. In heutiger europĂ€ischer Rechnung entspricht das ungefĂ€hr 42.700 Euro. Anders formuliert: Zwei Jahre Bewegungsdaten einer Großbevölkerung kosteten weniger als viele mittelgroße IT-Projekte.

Der Ausstieg ist absichtlich schwer gemacht

Besonders aufschlussreich ist deshalb das sogenannte Opt-out-Problem. Reporter von The Markup fanden Broker, die gesetzlich vorgeschriebene Widerspruchsseiten mit “no-index”-Code versteckten, damit sie ĂŒber Google möglichst schwer auffindbar sind. Die Empfehlung des Ausschusses fiel entsprechend deutlich aus: Zumindest mĂŒssten Widerspruchsmöglichkeiten leicht zu finden und zu nutzen sein.

Auch die FTC hat bereits Schreiben an 13 Unternehmen verschickt, gestĂŒtzt auf den Protecting Americans' Data from Foreign Adversaries Act, also jenes Gesetz von 2024, das den Verkauf sensibler US-Daten an von Gegnerstaaten kontrollierte Einheiten untersagt. Das Register legt jedoch nahe, dass die Praxis noch 2025 fortgesetzt wurde. Diese Infrastruktur hĂ€ngt zudem mit anderen MĂ€rkten zusammen, etwa mit Lecks durch gestohlene Zugangsdaten und der Ökonomie des Browser-Fingerprinting.

Was Sie diese Woche konkret tun können

VollstĂ€ndig entziehen lĂ€sst sich dieser Logik kaum jemand. Dennoch gibt es sinnvolle Schritte. Sie können ĂŒber das kalifornische Register der DatenhĂ€ndler einen Löschantrag stellen, auch wenn Sie nicht in Kalifornien wohnen, weil viele Unternehmen ihre Prozesse nicht nach Regionen aufspalten. Zudem sollten Sie die Werbe-ID Ihres Smartphones löschen oder deaktivieren. Genau sie hilft dabei, Standortsignale appĂŒbergreifend zusammenzufĂŒhren.

Praktisch ist außerdem ein einfacher Rhythmus: eine App pro Woche prĂŒfen und den Zugriff auf “prĂ€zisen Standort” nach Möglichkeit auf einen ungefĂ€hren Standort reduzieren. Eine Ă€hnliche Vorsicht begrenzt auch Risiken durch staatlich entwickelte Spyware, deren Eintrittspunkt oft ĂŒberprivilegierte Apps sind. Der Kongress hat den unmittelbaren Schaden des IdentitĂ€tsdiebstahls beziffert. Offen bleibt die grĂ¶ĂŸere Frage: Was ist es einem fremden Staat wert zu wissen, wer gestern wo gewesen ist?

Quellen und Referenzen

  1. Electronic Privacy Information Center (EPIC)
  2. CalMatters / US Joint Economic Committee
  3. The Markup
  4. Lawfare

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