Die Lernmethode, die sich falsch anfühlt, ist um 76 % besser

Die Lernmethode, die sich falsch anfühlt, ist um 76 % besser

·4 Min. LesezeitLernen und Denkmodelle

Wer für eine Prüfung lernt, greift in der Regel zum selben Schema: ein Thema nach dem anderen abarbeiten, Aufgabenblock für Aufgabenblock, bis es sitzt. Dieses Vorgehen heißt in der Kognitionsforschung „Blocked Practice“ und bildet die Grundlage praktisch jedes Lehrbuchs und jeder Kursstruktur.

Es gehört zugleich zu den am wenigsten wirksamen Lernmethoden, die es gibt.

Was die Daten tatsächlich zeigen

Ein Unterrichtsexperiment aus dem Jahr 2014, geleitet vom Kognitionspsychologen Doug Rohrer, begleitete Siebtklässler über neun Wochen. Die eine Hälfte übte Mathematikaufgaben im klassischen Blockformat: alle Aufgaben eines Typs gebündelt. Die andere Hälfte erhielt dieselben Aufgaben in gemischter Reihenfolge, wobei verschiedene Aufgabentypen bewusst innerhalb jeder Übungseinheit durcheinander gewürfelt wurden. Dieses Prinzip nennt sich „Interleaving“ (verschränktes Üben).

Bei einem unangekündigten Test zwei Wochen später erreichte die Interleaving-Gruppe 72 Prozent, die Blockübungs-Gruppe lediglich 38 Prozent. Das entspricht einer relativen Verbesserung von 76 Prozent allein durch die Umordnung der Übungsaufgaben.

Eine frühere Studie von Taylor und Rohrer (2010) hatte bei Viertklässlern nahezu identische Ergebnisse geliefert: 77 Prozent für die gemischte Gruppe gegenüber 38 Prozent für das Blockformat. Der Effekt hielt sich über verschiedene Mathematikthemen, Altersgruppen und sowohl bei sofortigen als auch bei verzögerten Tests.

Warum sich das Gehirn dagegen wehrt

Hier wird es paradox. Studierende, die Interleaving nutzten, bewerteten die Methode durchweg als weniger effektiv, schwieriger und zeitaufwändiger als das Blockformat. Mehr als 60 Prozent bevorzugten den Ansatz, der nachweislich schlechtere Ergebnisse liefert.

Robert und Elizabeth Bjork von der UCLA bezeichnen dieses Phänomen als wünschenswerte Schwierigkeit: eine Lernbedingung, die den scheinbaren Fortschritt verlangsamt, während sie die tatsächliche Behaltensleistung beschleunigt. Beim Blocklernen baut sich ein Gefühl von Geläufigkeit auf. Man beantwortet Aufgaben schnell und korrekt. Diese Geläufigkeit erzeugt eine trügerische Illusion von Beherrschung.

Interleaving durchbricht genau diese Illusion. Bei jedem Aufgabenwechsel muss das Gehirn zunächst identifizieren, welche Lösungsstrategie überhaupt anwendbar ist, bevor es die Aufgabe bearbeitet. Dieser zusätzliche Schritt fühlt sich wie Reibung an, und unser Instinkt deutet Reibung als Misserfolg. Doch genau dieser Identifikationsprozess ist es, der das Langzeitgedächtnis und die Transferfähigkeit stärkt.

Ein Vergleich: Blocklernen gleicht dem Sortieren von Wäsche nach Farbe. Verschränktes Üben gleicht der Aufgabe, in einem gemischten Wäscheberg zu erkennen, welches Kleidungsstück wem gehört. Die zweite Aufgabe ist anspruchsvoller, erzwingt aber tiefere Mustererkennung.

Der Mechanismus dahinter: diskriminativer Kontrast

Rohrers Forschung verweist auf einen spezifischen Mechanismus namens diskriminativer Kontrast. Wenn verschiedene Aufgabentypen unmittelbar aufeinander folgen, wird das Gehirn gezwungen, die Unterscheidungsmerkmale jedes Typs bewusst wahrzunehmen. Beim Blocklernen wird dieser Unterscheidungsschritt vollständig übersprungen, weil man bereits vor dem Lesen weiß, welchen Aufgabentyp man bearbeitet.

Die Tragweite reicht weit über Mathematik hinaus. Ein systematisches Review von Firth (2021) bestätigte die Vorteile von Interleaving in zahlreichen Bereichen: visuelles Kategorienlernen, Spracherwerb und medizinische Diagnostik. Der gemeinsame Nenner ist jede Fertigkeit, bei der man aus mehreren möglichen Vorgehensweisen die richtige auswählen muss.

Wer bereits Spaced Repetition für das Einprägen von Wissen nutzt, findet im Interleaving die natürliche Ergänzung. Spacing bestimmt, wann man Material wiederholt. Interleaving bestimmt, wie man es mischt.

Interleaving im Alltag anwenden

Die Umsetzung ist bemerkenswert unkompliziert, was einen Teil der Faszination für Forscher ausmacht. Man braucht keine neuen Materialien, keine Apps, keine besonderen Methoden. Man ordnet um, was man bereits hat.

Aufgabentypen innerhalb jeder Sitzung mischen. Statt 20 Algebra-Aufgaben gefolgt von 20 Geometrie-Aufgaben abzuarbeiten, wechselt man zwischen beiden ab. Entscheidend ist, dass man vor dem Lesen der Aufgabe nicht wissen sollte, welcher Lösungsansatz gefragt ist.

Fächer in Lernblöcken kombinieren. Wer sich auf eine Prüfung über drei Kapitel vorbereitet, wechselt innerhalb jeder Sitzung zwischen allen dreien, statt eines vollständig abzuschließen, bevor das nächste beginnt.

Unbehagen einkalkulieren. Man wird sich weniger geübt fühlen und mehr Fehler machen. Das ist das Signal dafür, dass tiefere Verarbeitung stattfindet, nicht das Signal, zum Blockformat zurückzukehren.

Verzögerte Ergebnisse messen. Man sollte sich ein bis zwei Wochen später testen, nicht unmittelbar nach dem Lernen. Der Vorteil des Interleaving zeigt sich bei verzögerten Tests, nicht während der Übungssitzung selbst.

In der Lernforschung zeigt sich ein wiederkehrendes Muster: Die Methoden, die sich produktiv anfühlen, sind es häufig nicht, und die Methoden, die sich unbeholfen anfühlen, liefern oft die stärksten Ergebnisse. Das Komfortsignal des Gehirns ist auf kurzfristige Leistung optimiert, nicht auf langfristiges Lernen. Interleaving ist das klarste Beispiel dafür, was geschieht, wenn man dieses Signal mit Daten überstimmt.

Quellen und Referenzen

  1. Rohrer et al. (2014) - Interleaved Mathematics Practice
  2. Rohrer et al. (2015) - Interleaved Practice Improves Mathematics Learning
  3. Taylor and Rohrer (2010) - The Effects of Interleaved Practice
  4. Bjork and Bjork (2011) - Desirable Difficulties in Learning
  5. Interleaved practice enhances memory in physics
  6. Discriminative contrast and distributed practice
  7. Firth (2021) - Systematic review of interleaving
  8. Students perceptions of effective math learning strategies

Erfahren Sie mehr über unsere redaktionellen Standards

Das könnte Sie auch interessieren: