Die beliebteste Lernmethode gehört noch immer zu den schwächsten

Die beliebteste Lernmethode gehört noch immer zu den schwächsten

·5 Min. LesezeitLernen und Denkmodelle

Die meisten Schülerinnen, Studenten und Berufstätigen lernen noch immer mit Methoden, die sich nach Fortschritt anfühlen, nicht mit Methoden, die Wissen zuverlässig im Gedächtnis halten. Markieren wirkt aktiv. Wiederlesen wirkt gründlich. Zusammenfassen wirkt ordentlich. Nur zeigt die Lernforschung seit Jahren, dass genau diese drei Gewohnheiten für langfristige Behaltensleistung erstaunlich schwach sind.

Bereits 2013 sichtete John Dunlosky von der Kent State University zehn verbreitete Lerntechniken und bewertete deren praktische Nützlichkeit. Markieren, Wiederlesen und Zusammenfassen erhielten eine niedrige Einstufung. Nur Übungstests und verteiltes Lernen wurden als hoch nützlich bewertet. Nachzulesen ist das in Psychological Science in the Public Interest. Dass viele Lernende dennoch beim Wiederlesen bleiben, ist also kein Mangel an Daten, sondern ein Mangel an Umstellung.

Der eigentliche Unterschied zeigt sich erst mit Abstand

Die Verwechslung beginnt meist unmittelbar nach dem Lernen. Was sich flüssig anfühlt, wird leicht für Können gehalten. Genau dort setzt ein klassischer Befund von Henry Roediger und Jeffrey Karpicke an.

In ihrem Experiment schnitten jene Personen, die denselben Stoff wiederholt lasen, nach fünf Minuten zunächst besser ab. Wurde jedoch erst nach zwei Tagen oder nach einer Woche geprüft, lagen die Lernenden mit Selbsttests deutlich vorn. Der Befund ist im Artikel Test-enhanced learning: taking memory tests improves long-term retention dokumentiert. Er zeigt sehr klar: Vertrautheit ist nicht dasselbe wie Erinnerbarkeit.

Gerade deshalb sind subjektive Lerngefühle so unzuverlässig. Wer einen markierten Absatz ansieht und denkt, er kenne den Inhalt, verwechselt Wiedererkennen mit Abrufen. Im Alltag, in Prüfungen und später im Beruf zählt aber nicht, ob etwas bekannt aussieht. Entscheidend ist, ob Sie es ohne Stütze reproduzieren können.

An der Spitze steht eine einfache Kombination

Wenn man die Methoden nach typischer Behaltensleistung über Wochen hinweg ordnet, landet eine Kombination regelmäßig ganz oben: Spaced Repetition plus aktiver Abruf. Gemeint ist damit, Inhalte in wachsenden Abständen erneut aufzurufen und sich dabei aktiv zu prüfen, etwa nach 1, 3, 7, 14 und 28 Tagen.

Eine Arbeit in PNAS zur optimierten Wiederholung zeigt, dass algorithmisch geplante Abstände zu sehr hoher Retention über längere Zeiträume führen können, in der Größenordnung von rund 80 Prozent. Eine aktuelle Anwendung in der medizinischen Ausbildung, veröffentlicht in BMC Medical Education, fand bei Studierenden mit digital unterstützter Spaced Repetition ein um etwa 37 Prozent besseres Abschneiden im Post-Test als bei einer Kontrollgruppe mit herkömmlichen Methoden.

Direkt dahinter folgt das Üben mit Tests auch ohne besonders ausgefeilten Zeitplan. Schon der Abrufversuch selbst stärkt die Gedächtnisspur. Auf Platz drei lässt sich die verschachtelte Übung einordnen, also das Wechseln zwischen verwandten Themen statt des monotonen Abarbeitens eines einzigen Blocks. Das ist weniger bequem, fördert aber die richtige Auswahl von Strategien.

Der mittlere Bereich hilft, ersetzt Abruf aber nicht

Danach folgen Techniken, die sinnvoll sind, aber meist nicht als alleinige Basis reichen. Bei der elaborativen Befragung stellen Sie sich nach einem Begriff die Frage, warum er funktioniert oder wieso er gilt. Das verknüpft neues Wissen mit vorhandenem Wissen. Besonders nützlich wird das, wenn Sie solche Phasen in Zeiten legen, in denen Sie geistig am stärksten sind, also grob gesprochen Ihren Lernrhythmus an Ihre Biologie anpassen.

Selbsterklärung liegt ähnlich. Wer einen Stoff so erklärt, als müsste er ihn jemand anderem beibringen, merkt schnell, wo das Verständnis trägt und wo nicht. Das bekannte Feynman-Prinzip ist nur eine populäre Form davon. Zusammenfassen liegt darunter. Es ist besser als bloßes Durchlesen, zwingt aber viel weniger zu echtem Abruf.

Warum gerade Abstände so viel ausmachen, erklärt auch eine Übersichtsarbeit in Frontiers in Psychology. Der Kern des Spacing-Effekts besteht darin, dass zeitlich verteilte Wiederholungen stärkere Erinnerungen erzeugen als massierte Wiederholungen. Was beim Lernen etwas mühsamer wirkt, ist oft genau der Teil, der das Wissen stabil macht.

Markieren und Wiederlesen bleiben attraktiv, weil sie angenehm sind

Am unteren Ende stehen Markieren und Wiederlesen, grob im Bereich von etwa 20 bis 36 Prozent Retention nach 30 Tagen in dieser praktischen Einordnung. Das heißt nicht, dass sie in jedem Kontext wertlos wären. Sie können beim ersten Strukturieren oder schnellen Lokalisieren helfen. Problematisch werden sie dann, wenn sie die Hauptmethode darstellen.

Sie fühlen sich gut an, weil sie kaum Widerstand erzeugen. Man sieht den Stoff, erkennt ihn wieder und verwechselt diese Leichtigkeit mit Beherrschung. Aktiver Abruf wirkt dagegen oft frustrierend. Genau dieses Ringen ist aber kein Zeichen des Scheiterns, sondern der Mechanismus, der Lernen dauerhaft macht.

Das wirksamste Protokoll ist fast peinlich schlicht

Sie brauchen dafür weder komplizierte Software noch ein exotisches System. Lesen Sie einen Abschnitt. Legen Sie das Material weg. Schreiben Sie auf ein leeres Blatt, was Sie noch wissen. Prüfen Sie die Lücken. Wiederholen Sie das am nächsten Tag, dann nach drei Tagen, nach einer Woche und später in größeren Abständen. Entscheidend ist nicht Eleganz, sondern ehrlicher Abruf ohne Hilfe.

Die Ironie besteht darin, dass diese Einsicht keineswegs neu ist. Die Daten liegen seit Jahren vor. Offen bleibt vor allem, warum so viele Lernende weiterhin an genau jener Methode festhalten, die sich im Moment am produktivsten anfühlt und für spätere Erinnerung doch so wenig leistet.

Quellen und Referenzen

  1. Psychological Science in the Public Interest (Dunlosky et al., 2013)
  2. Psychological Science (Roediger & Karpicke, 2006)
  3. PNAS
  4. Frontiers in Psychology
  5. BMC Medical Education

Erfahren Sie mehr über unsere redaktionellen Standards

Das könnte Sie auch interessieren: