Das einfache Handy wird zur vernünftigsten Antwort der Gen Z
Die Pointe dieser Entwicklung ist schwer zu übersehen: Ausgerechnet jene Generation, die mit sozialen Plattformen aufgewachsen ist und das Smartphone nie als Zusatzgerät, sondern als Grundzustand erlebt hat, beginnt sich für Geräte zu interessieren, die kaum mehr können als telefonieren und SMS verschicken. Das mag auf den ersten Blick wie Retroästhetik wirken. Die Daten sprechen jedoch für eine nüchternere Deutung. Laut einer Marktübersicht von Accio stiegen die Verkäufe von Dumbphones unter 18- bis 24-Jährigen zwischen 2021 und 2024 um 148 Prozent. Zugleich zeigt eine Befragung von Harris Poll, dass 21 Prozent der erwachsenen Gen Z angeben, das Smartphone wäre besser nie erfunden worden. Das ist keine bloße Marotte mehr, sondern ein messbarer Stimmungsumschwung.
Die Belastung beginnt nicht erst mit der Benachrichtigung
Besonders aufschlussreich ist dabei, dass die Forschung das Problem früher ansetzt, als viele vermuten würden. Eine in Scientific Reports veröffentlichte Studie kommt zu dem Ergebnis, dass bereits die bloße Anwesenheit eines Smartphones die Aufmerksamkeitsleistung verschlechtern kann, selbst wenn das Gerät ausgeschaltet ist. Die Teilnehmenden arbeiteten langsamer und mit geringerer Genauigkeit, sobald das Smartphone im Raum lag. Das Gerät muss also nicht einmal aktiv stören, um kognitive Ressourcen zu beanspruchen.
Für eine deutsche Lesart ist das deshalb interessant, weil hier weniger die kulturkritische Geste zählt als die Frage nach Konzentrationsökonomie. Wenn ein Gerät allein durch Verfügbarkeit Aufmerksamkeit bindet, dann geht es nicht nur um Selbstkontrolle, sondern um Arbeits- und Lebensumgebungen, die permanenten Zugriff normalisieren. Das ist ein strukturelles und kein bloß moralisches Problem.
Nicht das Telefon, sondern das mobile Internet steht im Zentrum
Die entscheidendere Evidenz liefert ein randomisierter kontrollierter Versuch, der in PNAS Nexus erschienen ist. Dort wurde nicht gefordert, Smartphones vollständig abzuschaffen. Stattdessen blockierten die Forschenden für zwei Wochen lediglich den mobilen Internetzugang, während Anrufe und Textnachrichten weiterhin funktionierten. Genau diese Unterscheidung macht die Ergebnisse so relevant. 91 Prozent der Teilnehmenden verbesserten sich in mindestens einer Dimension von subjektivem Wohlbefinden, psychischer Gesundheit oder aufrechterhaltener Aufmerksamkeit. Darüber hinaus berichten die Autorinnen und Autoren, dass der durchschnittliche Effekt auf Depressionssymptome größer ausfiel als der meta-analytische Effekt von Antidepressiva und dass sich die gemessene Aufmerksamkeitsleistung in einer Größenordnung verbesserte, die ungefähr zehn Jahren altersbedingten Rückgangs entspricht.
Ebenso aufschlussreich ist die vermutete Wirkweise. Die Mediationsanalysen deuten darauf hin, dass Menschen ohne mobiles Internet mehr Zeit mit persönlichem Sozialkontakt, Bewegung und Aufenthalten in der Natur verbrachten. Mit anderen Worten: Das Problem scheint weniger im Telefon als Kommunikationsmittel zu liegen als im permanent offenen Zugang zu Feeds, Kurzvideos, Nachrichtenströmen und algorithmisch sortierter Ablenkung.
Verbesserungen zeigen sich nicht erst nach Monaten
Ein weiterer Baustein kommt aus einer im PMC/NLM veröffentlichten Untersuchung mit jungen Erwachsenen. Dort führte bereits eine einwöchige Pause von sozialen Medien zu Rückgängen bei Angstsymptomen um 16,1 Prozent, bei Depressionssymptomen um 24,8 Prozent und bei Insomnie um 14,5 Prozent. Das ist bemerkenswert, weil es die häufige Annahme schwächt, psychische Entlastung durch digitale Reduktion sei allenfalls langfristig spürbar. Offenbar können sich Effekte relativ schnell zeigen.
Damit erhält auch der sogenannte Digital-Detox-Trend eine sachlichere Kontur. Es geht nicht zwingend um Technikfeindlichkeit. Es geht um die Einsicht, dass bestimmte digitale Infrastrukturen Aufmerksamkeit in einer Weise fragmentieren, die Menschen als Erschöpfung, Unruhe und mangelnde Präsenz erleben.
Das einfache Handy ist eher Signal als Lösung
Gerade deshalb sollte man den Anstieg bei Dumbphones weder romantisieren noch belächeln. Er ist kein Beweis dafür, dass einfache Geräte für alle die beste Lösung wären. Aber er ist ein kulturelles Signal. Die Generation, die die Logik der Aufmerksamkeitsökonomie von innen kennt, beginnt sich ihr sichtbar zu entziehen. Dass laut Harris Poll 83 Prozent der erwachsenen Gen Z bereits Maßnahmen ergriffen haben, um ihre Social-Media-Nutzung zu begrenzen, passt exakt zu diesem Bild.
Für die Praxis folgt daraus etwas überraschend Bodenständiges: Sie müssen nicht zwingend zu einem Tastenhandy wechseln, um von den Effekten zu profitieren. Sinnvoll kann bereits sein, mobilen Datenzugang zeitweise zu blockieren, soziale Apps aus dem Startbildschirm zu entfernen oder Kommunikation von Unterhaltung wieder stärker zu trennen. Der Verkaufsschub von 148 Prozent ist deshalb weniger als Kaufempfehlung interessant denn als Diagnose. Die Gen Z hat offenbar früh genug bemerkt, dass ständige Verbindung nicht dasselbe ist wie Freiheit. Und die Forschung legt nahe, dass dieser Verdacht gut begründet ist.
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