55 % der Unternehmen bereuen KI-Entlassungen

55 % der Unternehmen bereuen KI-Entlassungen

·5 Min. LesezeitTechnologie und Werkzeuge

Mehr als die Hälfte der Führungskräfte, die Mitarbeiter zugunsten künstlicher Intelligenz entlassen haben, räumt inzwischen ein: Es war ein Fehler. Kein Euphemismus, kein "Lernprozess". Ein Fehler.

Das belegt eine Studie des Beratungsunternehmens Orgvue unter 1.163 C-Level- und Senior-Führungskräften aus den USA, Kanada, Großbritannien, Irland, Australien und Südostasien. Von den 39 Prozent der Befragten, die bereits Stellen wegen KI gestrichen hatten, bezeichnen 55 Prozent diese Entscheidungen rückblickend als falsch. Noch beunruhigender: Jeder vierte dieser Entscheider gab zu, vor den Kürzungen nicht einmal analysiert zu haben, welche Rollen überhaupt von KI profitieren könnten.

Für den deutschsprachigen Raum stellt sich damit eine doppelte Frage: Was können wir aus den Fehlern der angelsächsischen Märkte lernen, und schützen uns unsere Arbeitsmarktstrukturen tatsächlich vor ähnlichen Fehlentscheidungen?

Der Mythos, der tausend Kündigungen auslöste

Die Erzählung war verführerisch einfach: KI-Agenten würden den Kundenservice übernehmen, Berichte verfassen, Anfragen priorisieren, und das schneller, günstiger und ohne Mittagspause. Unternehmen weltweit wetteiferten darum, sich als "KI-first" zu positionieren. Pressemitteilungen feierten Personalabbau als Innovationskennzahl, als gälte die Formel: weniger Menschen gleich mehr Fortschritt.

Das schwedische Fintech-Unternehmen Klarna wurde zum Paradebeispiel dieser Logik. Klarna ersetzte rund 700 Kundenservice-Mitarbeiter durch einen OpenAI-gestützten Assistenten und verkündete, die KI bearbeite zwei Drittel aller Kundenanfragen bei jährlichen Einsparungen von umgerechnet rund 9,4 Millionen Euro. Die Börse applaudierte, LinkedIn-Vordenker jubelten.

Doch was die Jubelmeldungen verschwiegen: Klarnas eigener CEO Sebastian Siemiatkowski erklärte später gegenüber Journalisten, man sei "zu weit gegangen". Die Servicequalität brach ein. Kunden berichteten von roboterhaften Antworten und völlig unzureichender Problemlösung. Das Vertrauen erodierte. Klarna stellt inzwischen über ein flexibles Remote-Modell wieder menschliche Mitarbeiter ein und baut damit im Grunde auf, was es zuvor demontiert hatte.

Klarna ist kein Sonderfall. Es ist die Vorschau auf eine breitere Entwicklung.

Die stille Wiedereinstellungswelle, über die niemand spricht

Gartner prognostiziert, dass bis 2027 die Hälfte aller Unternehmen, die Kundenservice-Stellen wegen KI abgebaut haben, wieder Personal einstellen wird, häufig unter neuen Jobtiteln für im Kern dieselben Tätigkeiten.

Der Grund ist so schlicht wie ernüchternd: Die heutige KI ist schlicht nicht ausgereift genug, um das Urteilsvermögen, die Empathie und das kontextuelle Denken zu ersetzen, das Menschen in komplexe Arbeitsprozesse einbringen. Tatsächlich hat bislang nur etwa ein Fünftel der Kundenservice-Verantwortlichen den Personalbestand tatsächlich reduziert.

IBM liefert ein weiteres aufschlussreiches Beispiel. Der Konzern entließ 2023 rund 8.000 Mitarbeiter und ersetzte große Teile der Personalabteilung durch ein KI-Tool namens AskHR. Als das System bei Aufgaben versagte, die Einfühlungsvermögen oder Fingerspitzengefühl erforderten, musste IBM Menschen zurückholen. CEO Arvind Krishna räumte später ein, dass die Gesamtzahl der Beschäftigten letztlich sogar gestiegen sei.

Was das für den DACH-Raum bedeutet

In Deutschland wäre ein solcher Kahlschlag erheblich schwieriger umzusetzen. Das Kündigungsschutzgesetz, die Mitbestimmungsrechte des Betriebsrats nach Paragraph 87 Absatz 1 Nr. 6 BetrVG (Betriebsverfassungsgesetz) und die Pflicht zur Sozialauswahl setzen dem algorithmisch motivierten Personalabbau enge juristische Grenzen. Ohne eine ausdrückliche Betriebsvereinbarung können Entlassungen, die auf KI-Empfehlungen basieren, vor dem Arbeitsgericht scheitern.

Das bedeutet allerdings nicht, dass der deutschsprachige Raum gegen die Versuchung immun wäre. Der Mittelstand geht traditionell methodischer vor als angelsächsische Konzerne, doch der Druck, "KI-Effizienz" in Quartalsberichten nachzuweisen, wächst auch hierzulande. Deutsche Arbeitsrechtler diskutieren bereits über sogenannte "Block-Layoffs" (massenhafte KI-begründete Entlassungen) als neue Herausforderung für das Arbeitsrecht. Die KI-Verordnung der EU, die seit Februar 2025 greift, verpflichtet Unternehmen zudem zur Schulung ihrer Mitarbeiter im Umgang mit künstlicher Intelligenz.

Die zentrale Erkenntnis: Der Betriebsrat ist kein Hindernis für Innovation, sondern ein Schutzschild gegen übereilte Entscheidungen, die sich andernorts bereits als kostspielig erwiesen haben.

Die 200-Milliarden-Wette auf Spekulation

BCG schätzt, dass agentische KI für IT-Dienstleister einen Markt von bis zu 200 Milliarden Dollar (rund 188 Milliarden Euro) erschließen könnte. Doch Gartners Zahlen erzählen eine andere Geschichte: Lediglich 19 Prozent der Organisationen haben bisher signifikant investiert. Weitere 42 Prozent setzen auf konservative Schritte, und 31 Prozent befinden sich im Beobachtungsmodus. Über 40 Prozent aller Projekte mit agentischer KI werden laut Gartner bis 2027 eingestellt.

Von den Tausenden Anbietern, die agentische KI vermarkten, hält Gartner lediglich rund 130 für seriöse Unternehmen. Der Rest betreibt "Agent Washing": künstliche Intelligenz als Marketing-Etikett, nicht als funktionierendes Produkt.

Warum diese Entwicklung über ein schlechtes Quartal hinausgeht

Die Orgvue-Studie offenbart weitere Befunde, die nachdenklich stimmen: 34 Prozent der befragten Unternehmen verzeichneten freiwillige Kündigungen von Mitarbeitern, die aus Angst vor KI das Unternehmen verließen. 30 Prozent der Führungskräfte wussten nicht, welche ihrer Mitarbeiter überhaupt betroffen sein könnten. Und 38 Prozent gaben an, die Auswirkungen von KI auf ihr eigenes Geschäftsmodell nicht zu verstehen.

Was die erfolgreichen Unternehmen anders machen

Die Unternehmen, die bisher am besten durch diese Umwälzung navigieren, folgen einem klaren Prinzip: Sie investieren in KI für repetitive, klar strukturierte Aufgaben, während sie Menschen gezielt dort einsetzen, wo Kontext, Kreativität und Empathie gefragt sind. Sie führen Pilotprojekte durch, bevor sie sich festlegen, und messen die tatsächliche Ergebnisqualität statt der Versprechen aus Investorenpräsentationen.

Die Führungskräfte, die erst entlassen und dann gemessen haben, besetzen jetzt still und leise dieselben Stellen neu. Die Frage für den DACH-Raum ist nicht, ob KI Arbeitsplätze verändern wird. Die Frage ist, ob Personalentscheidungen künftig auf nachgewiesenen Ergebnissen beruhen oder auf 188 Milliarden Euro an unbewiesenen Versprechungen.

Quellen und Referenzen

  1. Orgvue55% admit wrong decisions
  2. Gartner50% will rehire by 2027
  3. Gartner40% projects canceled
  4. Fast CompanyKlarna reversed
  5. BCG$200B market

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